Auf den Spuren der Gebietsreform - Mit einem Fuß in Verl und einem in Varensell

Gemeinsamer Schnatgang des CDU-Stadtverbandes Verl und des CDU-Ortsverbandes Varensell

„Bitte festes Schuhwerk mitbringen!“ Die Empfehlung kam von Wenzel Schwienheer, dem Vorsitzenden der CDU Varensell, und Matthias Humpert, dem Vorsitzenden der CDU Verl.

Rund 50 Teilnehmer sind am Samstag diesem Rat gefolgt. Sie trafen sich zu einem Schnatgang, der eine Spurensuche war: Vor 42 Jahren wurde ein Teil des Klosterdorfs im Rahmen der Gebietsreform der Ölbachstadt einverleibt.
Aus Acker- und Wiesenflächen entstand einige Jahre nach der Eingemeindung „Goldland“. Denn dem heutigen Industriegebiet verdanken die Verler erhebliche Gewerbesteuereinnahmen. „Verl-Eiserstraße“ bezeichnet jenen Teil des Klosterdorfs Varensell, der durch die Eingemeindung an Verl angegliedert wurde. Dort sind wirtschaftlich florierende Unternehmen entstanden, stellvertretend seien die Firmen Beckhoff Automation und die Spedition Meierfrankenfeld genannt. Letztere ist auf einem landwirtschaftlichen Grund etabliert, „auf dem jahrelang Roggen angebaut wurde“, wie ein Schnatgänger wusste.
Die Grenzgänger, darunter Kommunalpolitiker und Mitarbeiter der Verwaltungen Rietbergs und Verls, trafen sich gleich an der richtigen Stelle, nämlich am Bronzeweg 15 im Industriegebiet, dessen Straßen nach Metallnamen ausgerichtet sind. Dort steht das Wohnhaus von Ulrich Pollmüller, Gastgeber des Treffens und Zeitzeuge der kommunalen „Verwandlung“. Der Bauunternehmer, Jahrgang 1956, am Hellweg in Gütersloh aufgewachsen, verbrachte in der Kindheit viel Zeit in Varensell auf den Wiesenflächen seines Onkels Erwin Buschmann: „Es war idyllisch.“ Dem Landwirt kaufte sein Vater, Heizungsbaumeister Hermann Pollmüller, den Grund ab. Als Ulrich Pollmeier 1985 in sein neues Haus zog, war er nicht Rietberger, sondern Verler Bürger. Denn 15 Jahre zuvor hatte die kommunale Neugliederung das Baugelände der Ölbachkommune und heutigen Stadt Verl zugeordnet.
Als sich die Schnatgänger hinter Pollmüllers Haus in Richtung Stahlstraße begaben, wies Wenzel Schwienheer auf ein Kuriosum hin: auf die Lagerhalle der Firma Deppe, unter deren Dach sich Rietberg und Verl ganz nah sind. Mitten durch den Bau, in dem Holz lagert, zieht sich die Grenze beider Städte beziehungsweise der ehemaligen Ämter Verl und Rietberg. Arbeitnehmer können sich das Vergnügen leisten, mit einem Fuß in der Stadt der schönen Giebel und mit dem anderen im wirtschaftlich gesegneten Verl zu stehen. Hubert Deittert, früherer Rietberger Bürgermeister, vor allem aber ein echtes Varenseller Kind, erinnert sich gut an alles: „Ich habe die Neugliederung bewusst miterlebt.“

„Hier wird in der Stadt die Kohle gemacht“

Dass rund zwei Quadratkilometer Wiesen-und Ackerland und dazu 460 Einwohner aus dem nordöstlichen Teil des Klosterdorfs Varensell bei der kommunalen Neugliederung 1970 nach Verl gelangten, ist eine inzwischen ziemlich vergessene Tatsache. Der Varenseller Hubert Deittert, früherer Bundestagsabgeordneter und heute Ehrenvorsitzender der CDU im Kreis Gütersloh, erinnerte am Samstag als Schnatgänger zwischen Verl und Rietberg an die Fakten, die entstanden sind, als er als Mitglied der Jungen Union am Beginn seiner politischen Karriere stand. „Mit Rietberg hatten die Varenseller politisch nichts am Hut, sie fühlten sich zum Kirchspiel Verl hingezogen.“
Das galt vor allem für jene Varenseller, die sich gemeindlich mit der St.-Anna-Pfarrkirche verbunden fühlten, so dass sie lieber dorthin zum Gottesdienst gingen als in die Benediktinerinnenabtei. Und die Varenseller Kinder besuchten großteils die Realschule Verl. Deittert weiter: „Die Varenseller zeigten also keinen Widerstand gegenüber den Neuordnungsplänen. Was ihre Haltung zu Rietberg betraf: Was über das Nachbardorf Neuenkirchen hinaus ging, damit hatten sie Probleme.“
Der frühere Varenseller Grund ist heute mit einem ansehnlichen Potenzial Verler Industrie bestückt, mit gesunden, florierenden Gewerbebetrieben. Die expandierende Firma Beckhoff Automation steht stellvertretend für weitere große Unternehmen, die den Verler Stadtsäckel füllen helfen und zur Steuerkraft der Stadt erheblich beitragen. Oder, wie es Schnatgänger Matthias Humpert, der Verler CDU-Ortsverbandsvorsitzende, an Dieter Nowak, den Ersten Beigeordneten und Stadtkämmerer in Rietberg, auf den Punkt gebracht weitergab: „Auf diesem Stück ehemaliges Varensell kann man sehen, wo heute in Verl die Kohle gemacht wird.“
Franz Berenbrinker, der Verler Beigeordnete, konnte diese Aussage seinem Rietberger Kollegen gegenüber nur bestätigen. Hubert Deittert zog ein „politisch versöhnliches Resümee“: „Ich gönne es den Verlern, dass sich ihre Kommune so schön entwickelt hat. Und ich glaube, dass sich die Varenseller als neuere Mitbürger hier ganz gut aufgehoben fühlen. Sachlich war, davon bin ich überzeugte, diese Gebietsreform gerechtfertigt.“
Rund sechseinhalb Kilometer Wegstrecke bis in den Bereich der Thaddäusstraße legten die 50 überwiegend männlichen Schnatgänger zurück. Bei Ulrich Pollmeier waren sie anschließend zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Und auch dort war der Verhältnis Verl-Rietberg weiter Thema.
 

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